Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,
am 27. März wird Jenny Vorpahl von der Universität Potsdam über das Heiraten in der DDR berichten. Ähnlich wie bei der Mitgliedschaft in Vereinen und Kirchen wollen immer weniger Menschen eine eheliche Beziehung auf Dauer eingehen. Die Lebensabschnittspartnerschaft entspricht dem Wunsch, in einer Organisation, welcher Art auch immer, nur noch anlassbezogen mitzuwirken. Gerade junge Leute sehen keinen Sinn darin, sich dauerhaft zu binden und dadurch die eigene Handlungsfreiheit einzuschränken. Der Anteil der Ehepaare, die eine kirchliche Zeremonie wünschen, ist heute auf 20 Prozent gesunken. (In der BRD lag er lange bei 80 Prozent.) Die Folgen sind gravierend: Der Rückgang kirchlicher Trauungen führt zu einer niedrigeren Taufquote, zu weniger Kindern und zu einem deutlichen Absinken des Kirchensteueraufkommens.
Heute beträgt die Geburtenrate 1,35 Kinder je Frau. In der DDR lag sie 1964 bei 2,5 und 1974 bei 1,54 Kindern. Durch staatliche Anreize stieg die Quote bis 1980 wieder auf fast 2 Kinder an. Das scheint der ansonsten durchaus richtigen Annahme zu widersprechen, dass die Zahl der Kinder mit dem Grad der Religiosität zunimmt. Aber warum heiratet man überhaupt, was macht den Unterschied zwischen einer religiösen und nichtreligiösen Hochzeit aus? Ist es die Romantik, die Steuerersparnis? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für den Staat, die Sozial- und Rentenversicherung, das Bildungssystem, das Erbschaftsrecht? Der Vortrag von Frau Dr. Vorpahl ist ein guter Anlass, um über solche Fragen neu nachzudenken. Wohl jeder von uns kennt Ehen ohne Trauschein und Patchwork-Familien, bei denen das Zusammenleben mal besser und mal schlechter funktioniert. Die institutionellen Rahmenbedingungen sind hier mindestens genauso wichtig wie das individuelle Lebensmodell als solches. In jedem Fall kann man über säkulare Rituale nicht sinnvoll diskutieren, ohne die Verhältnisse in der DDR mitzudenken. Als „Apetitanreger“ für den Vortrag sei ein zehnminütiger Filmausschnitt über das Heiraten im Standesamt Treptow aus dem Jahr 1967 empfohlen. In getrennten Interviews sprechen die künftigen Ehepartner darüber, wie sie sich kennengelernt haben, über ihre beruflichen und familiären Vorstellungen, aber auch über die materiellen Bedingungen für ihre Entscheidung: Heiraten in der DDR.
Unsere Referentin

Dr. Jenny Vorpahl: Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft der Universität Potsdam
Wichtige Veröffentlichungen:
- Säkularität, Individualität und Überhöhung in aktuellen Trauansprachen. Eine komparatistische Toposanalyse zur Verhältnisbestimmung standesamtlicher und kirchlicher Trauungen, Berlin: De Gruyter, 2026
- Mit Dirk Schuster, Hg.: Communicating religion and atheism in Central and Eastern Europe, Berlin 2020, darin: ‚Proletarian culture does not fall from heaven.‘ Patterns of legitimation in the reception of ritual traditions in the GDR, S. 145-174
Mit Johann Ev. Hafner und Susanne Talabardon, Hg.: Pilgern. Innere Disposition und praktischer Vollzug, Würzburg 2012
Wir laden Sie ganz herzlich zu dieser Veranstaltung unseres Instituts ein und würden uns freuen, Sie dazu begrüßen zu dürfen.


Prof. Dr. Horst Junginger
Dr. Joachim Heise